In Reutlingen gibt es wie in vielen anderen Gemeinden Straßennamen, die aus
heutiger Sicht schwierig erscheinen. Ein Beispiel ist die Hindenburgstraße an der
Pomologie: Hindenburg ernannte als Reichspräsident 1933 Adolf Hitler zum
Reichskanzler, löste den Reichstag auf und unterzeichnete die Notverordnungen.
Diese schränkten die Presse- und Meinungsfreiheit ein und führten zur Aufhebung
der Grundrechte. Ein lokales Beispiel ist die Ludwig-Finckh-Straße an der Achalm.
Finckh verbrachte seine Jugend in Reutlingen und wurde hier beigesetzt. Er hat
literarische Verdienste, die es gegen seine Identifikation mit dem NS-Regime
abzuwägen gilt; er ist bekannt für völkisch-nationales Gedankengut. Aus heutiger
Sicht würde man eine Würdigung in Form eines Straßennamens nicht mehr
vornehmen.
Wichtig ist uns Grünen und Unabhängigen eine gute Erinnerungskultur. Unsere
Stadtgesellschaft muss mit ihrer lokalen und nationalen Vergangenheit kritisch
umgehen, um so das kollektive Gedächtnis zu prägen. Eine Umbenennung
zahlreicher Straßennamen wäre kompliziert und förderte die Auseinandersetzung mit
unserer Vergangenheit nicht.
Wir Grüne und Unabhängige haben einen Antrag gestellt, kritische Straßennamen
mit Zusatzinformationen zu versehen. Diese ermöglichen es der Bevölkerung, sich
kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und die Ambivalenz
verschiedener historischer Persönlichkeiten zu erkennen. Unsere Fraktion freut sich,
dass die Verwaltung diesen Antrag nun schrittweise umsetzt. So ist z.B. mittlerweile
an den Straßenschildern der Hindenburgstraße zu lesen, dass dieser nicht nur
Reichspräsident war, sondern dass der Straßenname bereits 1927 vergeben wurde
und heute aufgrund der Ernennung Hitler zum Reichskanzler umstritten ist.